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„Heine lehrt uns, dass die Deutschen ein emotional sehr komplexes Volk sind.“
Datum:2008-5-11 11:47:47    Pv:171 ,                I     Favoriten     I     Drucken     I     schließen    I    

Luo Guowen, Botschaftsrat a.D., ist Deutschland seit den 60er Jahren verbunden, zunächst als Dolmetscher, dann nach 1972 in der Presse- und der Europaabteilung des chinesischen Außenministeriums. In den 80er Jahren war Luo regelmäßig in Deutschland, zunächst als Konsul in Hamburg, nach der Wiedervereinigung in Berlin. Luo Guowen ist Gastprofessor an der Fremdsprachenhochschule Sichuan in Chongqing. Im Rahmen der Deutschland-Promenade führt er im Kulturpavillon in Leben und Werk Heinrich Heines ein.

Herr Professor, wie kommt ein Chinese in Chongqing im Südwesten Chinas, einem von Deutschland und Europa geographisch und kulturell weit entfernten Ort, dazu eine lebenslange Leidenschaft für Heinrich Heine zu entwickeln?

Das kann ich Ihnen genau sagen (lacht). Grund eins: ich habe hier in Chongqing an der Fremdsprachenhochschule Germanistik studiert. Zweitens habe ich während meiner beruflichen Laufbahn als Diplomat viel Zeit in Deutschland verbracht. Und als Berater der Chongqinger Stadtregierung bin oft hier im Süden, es ist also eine Dreiecksbeziehung zwischen mir, Chongqing und Heine (lacht).

Wann sind Sie das erste Mal mit Heinrich Heine in Berührung gekommen?

Das war in der 7. Klasse. Ich habe in der Bibliothek eine Biographie über Karl Marx gelesen, in der Marx seine Wertschätzung für Heine zum Ausdruck bringt. Daraufhin habe ich mir eine Heine-Gedichtsammlung ausgeliehen und seitdem lässt er mich nicht mehr los.

Was fasziniert Sie an ihm?

Besonders Heines Liebesgedichte sind für chinesische Jugendliche eine große Freude. Im Alter von 16, 17 Jahren sind viele Emotionen neu, Heine bringt diese aufkeimenden Gefühle auf den Punkt. Wir können von Heine vieles lernen. Ich habe zum Beispiel nach dem Vorbild seines Gedichts „Du bist wie eine Blume“ aus dem Zyklus „Von der Heimkehr“ selbst einige Gedichte über meine Klassenkameradinnen in der Mittelschule geschrieben. Ich habe von Heine viele Worte im Deutschen gelernt, wie „fest umarmen“ oder „heiße Küsse“. In meinen Augen gibt es fast keinen anderen Dichter der so viele schöne und inhaltsreiche Liebesgedichte geschrieben hat wie Heine. Aber Vorsicht: die Jugend sollte nicht zu viel Heine lesen, sonst küssen sie sich nur noch den ganzen Tag (lacht).

Neben seinen Liebesgedichten ist Heine als scharfer Gesellschaftskritiker bekannt, wie passt das zusammen?

„Deutschland – ein Wintermärchen“ ist im Wesentlichen ein politisches Gedicht. In diesem Gedicht hat er das damalige Deutschland scharf kritisiert, aber am Schluss dennoch eine hoffnungsvolle Zukunft gesehen, das ist für Chinesen, für mich, sehr wichtig. Das bedeutet, besonders heutzutage, dass wir Heine nie vergessen sollen. Die Welt verändert sich stark, und es wird in dieser Welt immer Schlechtes und Häßliches geben. Wir müssen – wie Heine es getan hat – immer mit großen Hoffnungen und Taten dagegen halten.

In China, einem Land mit einem starken Fokus auf wirtschaftliche Entwicklung –  was bringt ein Dichter wie Heine jungen Chinesen heutzutage?

Wirtschaft und Kultur sind zwei verschiedene Welten. Es gibt aber dennoch eine ganz enge Verbindung zwischen beiden. Kultur ermöglicht eine bessere Verständigung zwischen den Menschen. Für die wirtschaftliche Entwicklung ist eines unabdingbar: gegenseitiges Verständnis als Grundlage einer Zusammenarbeit. China ist wie Deutschland eine große Kulturnation, die neben ihren eigenen Künstlern auch ausländische zu schätzen weiß, vor allem die, die trotz aller Widrigkeiten der Realität ein schönes Bild von der Zukunft zeichnen können, voller Esprit und Kreativität.

Was lernen Sie durch die Lektüre Heines über die Deutschen?

Heine lehrt uns, dass die Deutschen ein emotional sehr komplexes Volk sind, genau wie wir Chinesen. Zweitens zeigt er, dass Deutsche wie Chinesen in Bezug auf das Konzept von Gut und Böse sehr ähnlich denken. Drittens: der sozial kritische Heine hat nicht nur die damalige Gesellschaft angeprangert, er hat sich auch detailliert Gedanken über eine bessere Zukunft gemacht. Und das ist auch der Grund warum Karl Marx so einen Gefallen an Heine gefunden hat.

Was glauben Sie, worin unterscheidet sich Ihr Verständnis von Heine von dem der Deutschen? Gibt es etwas typisch Chinesisches in Ihrer Auffassung?

Uns eint die Bewunderung für den Dichter, ich verehre ihn jedoch darüber hinaus aber als jemanden, der sich mit Marx’ Ideen zumindest teilweise identifiziert hat. Wenn ich in Deutschland Marx aufbringe, bekomme ich oft zu hören: „Fang nicht schon wieder mit dem an, der hat bei uns ausgespielt“. Das ist für viele Chinesen schwer nachvollziehbar, der Marxismus ist bei uns Leitgedanke, eine Ideenschatz, der unsere Entwicklung erst ermöglicht hat. Darüber hinaus ist für mich Heine ein Werkzeug für die weitere Entwicklung unserer beiderseitigen Beziehungen. Ich arbeite daran, Heine in China weiter in die unterschiedlichsten Bereiche hineinzutragen.


 
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