|
In den letzten 200 Jahren sind sowohl die Einwohnerzahlen als auch die Zahl der Städte ständig gestiegen. In der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung spielen Städte eine immer wichtigere Rolle. Im Jahr 1950 lebten rund 29 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Trotz Problemen wie zu hoher Bevölkerungsdichte, Verbrechen und Armut ist die Urbanisierungstendenz nicht aufzuhalten. Immer mehr Menschen strömen in die Städte und immer mehr Städte entstehen. Im Jahr 2007 leben bereits über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2030 wird diese Zahl voraussichtlich auf fünf Milliarden ansteigen. Der Urbanisierungsprozess wird in diesem Jahrhundert voraussichtlich abgeschlossen sein.
Als das größte Entwicklungsland der Welt hat China im Urbanisierungsprozess Höhen und Tiefen erlebt. Seit der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik vor 30 Jahren ist die Urbanisierungsquote von 17,9 Prozent (1978) auf 43,9 Prozent (2006) gestiegen, das bedeutet einen jährlichen Zuwachs der städtischen Einwohner um zehn Millionen. Bis zum Jahr 2030 werden etwa 50 Prozent, und bis zum Jahr 2050 ungefähr 75 Prozent der Chinesen in Städten leben. Bei einer Einwohnerzahl Chinas von rund 1,5 Milliarden im Jahr 2050, bedeutet das eine Zunahme der städtischen Einwohnerzahl in den folgenden 40 bis 50 Jahren von rund 600 Millionen.
Eine urbanisierte Gesellschaft ist eine treibende Kraft für Modernisierung. Urbanisierung bringt mehr Vorteile als Nachteile. Wenn die landwirtschaftliche Bevölkerung in einem Land den Großteil ausmacht, wird Industrialisierung wegen der diffusen Verteilung und Ineffizienz auf dem Lande zu teuer. In diesem Sinne ist das städtische Leben effizienter und sparsamer als auf dem Land. Trotz einhergehender Probleme wie Rohstoffmangel, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit und Sicherstellung der landwirtschaftlichen Produktion, halte ich es für riskanter, wenn die Urbanisierung Chinas stagnierte. Die Urbanisierung planmäßig und vernünftig voranzutreiben ist für China der beste Weg, um das Land zu möglichst niedrigen Kosten zu modernisieren.
Nehmen wir die Stadt Chongqing als Beispiel. Als bevölkerungsreichste regierungsunmittelbare Stadt Chinas ist Chongqing durch einen relativ hohen Anteil von wirtschaftlich unterentwickelten Stadtgebieten und Kreisen gekennzeichnet. Unter dem Leitgedanken „Stadt und Land einheitlich planen“ hat die Stadtverwaltung Chongqing die Urbanisierung aktiv und stabil vorangetrieben, wobei Umweltschutz und das Umsiedlungsprojekt mitberücksichtigt werden. Andere Länder, andere Sitten. Auch in der Urbanisierung sind aufgrund von Unterschieden in den Entwicklungsphasen, im kulturellen Hintergrund, im politischen System ganz andere Wege zu beobachten. China muss aber die allgemeinen Prinzipien der Urbanisierung erforschen und einen Entwicklungsweg chinesischer Prägung einschlagen.
Gestatten Sie mir Deutschland als ein erfolgreiches Beispiel für Urbanisierung zu nennen. Die Urbanisierung Deutschlands begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 2003 lag die Urbanisierungsquote in Deutschland bei 87 Prozent. Die Urbanisierung Deutschlands basiert auf mittelgroßen Städten und Kreisen. Die Verteilung der Städte mit unterschiedlichen Gewerbe- und Industriezonen ist wissenschaftlich geplant. Experten führen diese vernünftige Planung auf den deutschen Charakter zurück, den sie als wissenschaftlich, schlicht und praxisbezogen beschreiben. Unnötiger Luxus ist bei den Deutschen verpönt. Das Stadtzentrum mit Plätzen und öffentlichen Gebäuden spielt eine herausragende Rolle, während die neuen Stadtgebiete und Hi-Tech-Parks ringsum den Druck auf die Altstadt erheblich mildern können.
Überall in Deutschland kann man Naturwald, Grünflächen und schön gepflegte Gärten sehen. Der 1300 Kilometer lange Rhein hat mit Köln oder Mannheim wichtige Städte zu beiden Seiten, die Wasserqualität ist heute jedoch konstant gut. All dies macht aus Deutschland ein gutes Vorbild für China, von dem China sicherlich viel lernen kann. Ich hoffe, dass die chinesischen Stadtplaner den Meinungsaustausch mit ihren deutschen Kollegen verstärken und von den fortschrittlichen Ideen und Technologien Deutschlands bei der Stadtplanung lernen.
Niu Fengrui, geboren 1946, ist Leiter des Forschungszentrums für Stadtentwicklung und Umwelt der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS) und Stellvertretender Vorsitzender der chinesischen Gesellschaft für Stadt und Wirtschaft.
Verwandtes Video: Roland Winkler im Interview - "Der Urbanisierungsdruck in China ist gigantisch"
Verwandter Artikel: Bis 2030 müssen Chinas Städte für 350 Mio. neue Einwohner fit werden
|